Can a Photograph Tell a Story?

Wie so viele philosophische Auseinandersetzungen in unserem Haus begann alles mit einer Tasse heißen Tees. Dina hatte ihre Naturfotos auf dem ganzen Tisch ausgebreitet. Seehunde starrten gedankenversunken in den Nebel, ein Hase war mitten im Sprung erstarrt, und Pilze glänzten wie kleine Laternen im Wald. Selma studierte all das mit der ernsten Miene einer Kunstkritikerin im Louvre.
Klar kann ein Foto eine Geschichte erzählen!” betonte Dina.
Selma nickte bestätigend. “Natürlich kann es! Im dem Moment, in dem du ein Foto siehst, beginnst du zu fragen, was zuvor geschah. Was kommt als nächstes? Warum fühlt sich das eigenartig bekannt an?”

Für Dina, deren Fotografie sich um intime Momente in der Natur dreht, liegt das Erzählen einer Geschichte weniger in Handlung als in der Atmosphäre. Ein Seehund, der seinen Kopf zum Meer dreht, wird zum Bild der Mediation des Verschwindens. Ein einsamer Hase im winterlichen Gras weist auf Überleben, Verletzlichkeit und vielleicht gar auf Existenzangst – obwohl, ehrlich gesagt, die Hasen sich mehr um Praktisches kümmern.
Ein einzelnes Bild kann eine gesamte Welt beinhalten“, insistiert Dina.

Dina, yesterday morning: I have never seen a hare lying down like this. It was the highlight of my early morning visit to the hare fields, a fleeting moment. A single expression or a rare posture like this can communicate more quickly than paragraphs.

Genau an diesem Punkt betritt Kb die Küche, was stets herausfordernd ist, wenn es um philosophische Überlegungen geht.
Völliger Quatsch“, meint er sogleich im Tone eines Wissenden. “Ein Foto kann niemals eine Geschichte erzählen.”
Siri ist erfreut, denn Konflikt ist ihre bevorzugte Kunstform. Ohne Konflikte entsteht kein tieferes Verständnis, ist ihr Credo.
Eine Fotografie kann nicht in gleicher Weise eine Geschichte wie ein Roman oder ein Film erzählen, aber sie mag etwas Ungewöhnlicheres tun, sie kann den Betrachter dazu inspirieren, ein Geschichtenerzähler zu werden.

“TRY ME!”

Eine Geschichte” fährt Kb fort und rückt in professoraler Weise sein Brille zurecht, “benötigt eine Abfolge von Geschehen; einen Anfang oder Einleitung, einen Mittelteil und ein Ende. Aristoteles hat bereits vor langer Zeit beobachtet, dass eine Geschichte aus einer Einleitung gefolgt von einer Ausführung, die er Peripetaia nannte, und einem Ende, die Katharsis, besteht. Es geht also um Abläufe, um Zeit. Eine Foto friert jedoch die Zeit ein. Da gibt es keinen Ablauf und deswegen keine Geschichte.”
Selma protestiert: “Wenn ich jedoch Dinas Seehundphotos betrachte, stelle ich mir vor, woher der Seehund kam und wohin er wohl schwimmen wird.””
Klar doch“, antwortet Kb triumphierend, “du stellst dir eine Geschichte vor. Die Fotografie erzählt dir garnichts. Du kannst dir auch eine Geschichte vorstellen, wenn du auf eine Kartoffel starrst.”

Siri turned to the fungus in search of a narrative.

Und so blieb diese Debatte in unserem Haus ungelöst. Dina glaubt immer noch, dass ein einzelnes Bild unausgesprochene Geschichten enthält. Kb besteht darauf, dass es ohne einen Zeitablauf keine Geschichte geben kann. Selma findet echte emotionale Bedeutung in verschwommenen Fotos von Pilzen. Und Siri hat begonnen, dramatische Portraits von Gemüse aufzunehmen – nur um jeden zu verwirren.
Und wir nehmen an, dass die Wahrheit wie immer irgendwie in der Mitte liegt. Eine Fotografie mag zwar keine Geschichte wie ein Roman oder ein Film zu erzählen, aber macht etwas Ungewöhnlicheres: sie lädt den Betrachter dazu ein, ein Erzähler zu werden.

Mit lieben Grüßen vom kleinen Dorf am großen Meer

6 thoughts

  1. Every photo here – yes, even the fungi – suggests a story. Your story might not be the same as my story, but that doesn’t diminish either of our thoughts on the matter. Photos are often a catalyst to our imagination. An intriguing post, and as ever, beautifully illustrated.

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  2. A photograph do tell a story indeed and while a painting tell the story you see in it I feel instead photographs tell you the story whoever takes them see and want to tell, they tend to tell reality as it is.

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  3. I have spent way too much time on this very topic, stopping short of sentience in all life forms–but not too far short! The winning line in this post (and one of the tidbits I love finding in your pieces) is “always dangerous when philosophy is already underway.”

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